Zurück Home
English Version

Hier urinieren ist verboten! oder: Exkursion in den Alltag

Wenn sich in alltäglichen Situationen urplötzlich Konstellationen ergeben, die aufgrund Ihrer Gegensätzlichkeit eine Reibungshitze erzeugen, scheint es mir, als ob sich die Wirklichkeit in eine gewisse Realsatire verwandeln würde.

Im öffentlichen Raum der Stadt München wie auch anderswo bin ich offenen Auges unterwegs und stelle fest, dass sich gewisse Situationen nicht beliebig wiederholen und auch nur schwer nachstellen lassen würden, gesetzt dem Fall, dass man dies überhaupt wollte. Manche meiner besten Aufnahmen existieren leider nur virtuell, weil genau zum richtigen Zeitpunkt zwar die Motivklingel anging, die Kamera jedoch irgendwo zu Hause rumlag. Umgekehrt heisst dies auch, dass ich mich alltäglich auf Fotosafari befinde und mich daher gezwungen sehe, den Apparat so oft wie möglich dabeizuhaben.

Mit den nachfolgenden Kommentaren zu einzelnen Bildern möchte ich einen Einblick in Ort und Umstände der einzelnen Aufnahmesituationen vermitteln. Alle übrigen, nicht erwähnten Bilder sprechen meines Erachtens für sich und bedürfen keiner weiteren Information.
Nationalgericht Gleich das erste Bild Nationalgericht – aufgenommen während eines Straßenfestes in der Münchener Daiserstraße - stellt fast leitmotivisch eine Hommage an den britischen Fotografen Martin Parr dar. In dessen provokanter Bilderwelt des englischen Alltags erkenne ich für meine Arbeit eine gewisse Seelenverwandschaft.
Urlaub Die Reduktion des Urlaubs auf einen möglichst langen Bräunungsvorgang durfte ich im istrischen Städtchen Rovinj von meinem Hotelbalkon aus miterleben – man beachte die Körperhaltung der beiden Abgebildeten, die unfreiwillig fast schon religiöse Tiefe erreichen würde – wäre da nicht der danebenliegende Gebetsteppich, der sich der Werbung für Volkswagen verschrieben hat!
Puppe Am verstörendsten war für mich das Bild der achtlos herumliegenden Puppe in einem Münchner Spielwarenladen – Assoziationen von "Unfall" über "familiäre Gewalt“ bis hin zum "Bösen Onkel“ drängen sich auf.
Sommermärchen Dass die Aufforderung zum Beschuß deutscher Nationalsymbole ein potentieller Straftatbestand sein kann, schien dem Betreiber einer Schießbude auf dem Volksfest im oberbayerischen Dorfen nicht bewußt gewesen zu sein – aber schließlich befanden wir uns ja (fast) alle während der Fußball-WM 2006 angeblich in einem kollektiven nationalen Sommermärchen, wo manches anders lief als üblicherweise.
Do it yourself Das unerwartet enorm hohe Maß an Selbstironie der katholischen Kirche dokumentiert das Bild Do it yourself, auf dem ein Arrangement an der Außenfassade des Breslauer Doms (politisch korrekt Wroclaw) abgelichtet ist. Erst nach mehrmaligem Hinschauen und aufgrund der Tatsache, dass etliche Geistliche während meiner Anwesenheit ungerührt an diesem Objekt vorbei liefen, war ich mir sicher, dass dieses von den Kirchenleuten wohl kaum als Scherz verstanden wird.
Glaubensbrüder Glaubensbrüder. Unfreiwillig geständig wird die an der Münchner Lindwurmstraße beheimatete Urchristliche Gemeinde, wenn Sie auf das Bestreben der Werbewirtschaft stößt, den Umsatz auf Teufel komm raus zu erhöhen – dumm gelaufen!
Baum-Akt Dass es männliche und weibliche Bäume gibt, ist für jeden Botaniker eine Binsenweisheit – dass sich manche weibliche Exemplare jedoch so freizügig als öffentlicher Baum-Akt präsentieren wie in München-Sendling, dürfte selbst dem abgebrühtesten Wissenschaftler neu sein.
Einladung zum Gebet Und noch einmal eine Aufnahme des zweiten emotionalen Großereignisses des Jahres 2006 in München: Dem Papstbesuch. Nach Meinung des heiligen Vaters gilt die Einladung zum Gebet am Alten Peter nur für nichtrauchende, barhäuptige, handylose und nichteisessende Leute, deren Hände sich auch noch außerhalb ihrer Hosentaschen zu befinden haben – also für schätzungsweise 3% der Weltbevölkerung!
Backstage Ein spezielles Bild für Bildungsbürger mit großem Latinum ist Backstage: "Sic transit gloria mundi", aufgenommen am Alten Messegelände in München-Schwanthalerhöhe.
Anbetung Einer Anbetung ganz anderer Art wohnte ich beim Besuch des Gerhart-Hauptmann-Museum in Hiddensee bei – Hunde sind eben auch nur Menschen!
TolerantNotlage Höhepunkte deutschen Seelenlebens und öffentlicher Plakatkunst zeigen die beiden Aufnahmen Toleranz (München-Sendling) und Notlage (München-Westend)– nichtdeutsche Fußballer sind halt auch Menschen und trotz harngesäuerter Empörung über Hinterhofpiesler sollte man die deutsche Grammatik doch nicht ganz aus den Augen verlieren.
Juwelen Juwelen: Den Sinn des Lebens fand ich nach langer Suche endlich im verschlafenen Kurstädtchen Bad Wörishofen bei den legendären drei Affen vor einem örtlichen Juwelier: Nichts Sehen, nichts Hören, nichts Sprechen.
Klarstellung Das Grundeigentum versteht auch in der Münchner Ludwigstraße keinen Spaß; dass es nur zusammen mit Drohungen und Verboten zu haben ist bedarf eigentlich keiner Klarstellung – andererseits kann man nicht oft genug darauf hinweisen, wie die große Zahl solcher Schilder beweist.
Standpunkt Dass das Wohnambiente kapitalistischer Mietskasernen frei nach Zille im Resultat gewisse Ähnlichkeit mit einer Axt aufweist, dokumentiert diese Aufnahme aus München-Sendling – ob der Mietzinsentrichter diesen Standpunkt einnimmt, ist leider nicht bekannt.
Reale Utopie Das Ende des Bankkapitals fand ich als Reale Utopie am Skulpturenweg in Wasserburg am Inn: Vom Gelde befreit, kann man die Tresore getrost verrosten lassen und tief durchatmen.
Gesundheit! Gesundheit! kann man auch am Automaten an der Münchner Theresienwiese kaufen – wenn das Kleingeld allerdings alle ist, steht man auch hier etwas blöd da.
Dekoration Dieses Bild ist eine Erinnerung an das legendäre Bekleidungsgeschäft Hans Mier im Münchner Westend , dessen Dekoration einen Hort des Modegeschmacks der frühen Fünfziger Jahre darstellte. Leider fallen solche Monumente deutscher Nachkriegskultur immer mehr der zeitgenössischen Bauwut zum Opfer.
Überwindung Die Überwindung kommunaler Vorschriften glauben jugendliche Spraykünstler an der Außenfassade des Münchner Jugendzentrums Feierwerk praktizieren zu können – allerdings nur, solange sie nicht erwischt werden – dann bleibt aber immerhin noch ein gutes Gefühl!
Kompensation Ohne Adorno und seinen vielzitierten Satz „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ überzustrapazieren, versuchen die von Zigarettenkippen garnierten, leeren Bio(!)plastik(!)flaschen in einem Aschenbecher an der Münchner Theresienwiese genau diesem zu widersprechen – Kompensation.
Am Wegesrande !Am Wegesrande II Am Wegesrande blüht gar manches Blümelein – oder aber appetitlich drapierte Hundescheiße (Output) resp. von Fast-Food-Delikatessenverpackungen verstopfte städtische Abfalleimer (Input).
Verkehrte Welten IVerkehrte Welten II Verkehrte Welten fand ich in der Münchner Kaulbachstraße und auf dem Oktoberfestgelände – Ein Eingang, den keiner braucht neben einem Eingang, zu dem man nicht darf.
Hitzköpfe Der heiße Fußballsommer 2006 brachte neben nationalistisch aufgeheizten Public Viewern auch andere Hitzköpfe hervor – in diesem Fall militärisch korrekt aufgestellte Benzinfeuerzeuge in einem Münchner Bahnhofskiosk.
Alles wird gut Eine finale Durchhalteparole, die inzwischen schon zum sprachlichen Alltag gehört, fand ich auf der BUGA 2005 in München : "Alles wird gut - oder?
Friedrich Grössing